Bundestagswahl 2021 = Klimawahl?!

Ich mache mit diesem Artikel gleich drei ungewöhnliche Dinge: 1. gibt es ihn auf Deutsch, da er an die deutschen Leser*innen und Wähler*innen gerichtet ist , 2. geht es dieses Mal nicht um Kunst & Kultur und 3. werde ich persönlich, was mir nicht leicht fällt, aber in Anbetracht der Situation dennoch notwendig erscheint. Ich sage es klar heraus: Ich mache mir Sorgen um meine und unsere Zukunft.  

Deswegen möchte ich mit Blick auf die Bundestagswahl diesen Sonntag meine Gedanken mitteilen, denn vielleicht sind viele der nachfolgenden Aspekte noch nicht bekannt oder verschwimmen im Wirrwarr der Medienberichterstattung. „Nur“ zu wählen reicht für mich dieses Jahr nicht aus. Diese Wahl ist nämlich besonders wichtig. 

Klimawandel = Klimakrise!

Wie vielleicht schon bekannt (oder auch noch nicht), setzte ich mich seit letztem Jahr verstärkt mit dem Klimawandel auseinander und damit, was wir tun können, um ihn einzudämmen. Der Klimawandel – in Wahrheit schon lange eine Krise – ist kein neues Thema, nein. Die Folgen der Erderwärmung wurde bereits zu Beginn der 70er Jahre von Wissenschaftlern verkündet und später politisch debattiert. Dennoch waren die kritischen Auswirkungen einfach noch zu weit entfernt, um die Nationen zum Handeln zu bringen. 

In 2015 dann endlich der Meilenstein: Auf der berühmten UN-Klimakonferenz in Paris unterschrieben über 190 Nationen das internationale Klimaabkommen: Die globale Erderwärmung auf +2°C, bestenfalls auf +1,5°C (im Vergleich zum vor-industriellen Level in 1990) einzugrenzen. Stand heute: Die Erde hat sich bereits im Durchschnitt um 1,2°C erwärmt. Obwohl sich klimapolitisch schon viel in den letzten Jahren getan hat, ist es noch längst nicht genug! Die aktuelle Klimapolitik steuert auf eine Erwärmung von 2,7°C zu. Das bedeutet: Wir müssen nachjustieren!

Was bedeutet die Erderwärmung eigentlich konkret für uns?

Extremwetterereignisse wie Hitze- und Dürreperioden, verheerende flächendeckende Waldbrände, Starkregen und Überschwemmungen und Orkane treten immer häufiger und heftiger auf. Was wir eigentlich nur aus anderen uns Europäern entfernten Ländern und den letzten Jahrzehnten kennen, erlebten wir dieses Jahr auch bei uns.

Unter anderem führt die Dürre führt dazu, dass ganze Landflächen nicht mehr fruchtbar sind und es auch nicht mehr werden; Starkregen kann nicht mehr absickern und führt in Städten zu Überflutungen wie jüngst in Nordrhein-Westfalen. Die Hitze führt u.a. dazu, dass unsere Meere versauern, Bäche, Seen und Wälder vertrocknen während Gletscher schmelzen. Pflanzen und Tiere haben keine Lebensgrundlage mehr und sterben aus.

Wir haben als Menschen den größten Einfluss auf diese Entwicklung: Wir produzieren als Einzelpersonen, vor allem aber als Wirtschaftsnation zu viel CO₂. Steigen die CO₂-Emissionen weiter so an wie bisher, wird sich unsere Erde um mehr als 4°C erwärmen. Die Folgen für uns Menschen wären dramatisch: Lebensräume gehen verloren, unsere natürlichen Lebensgrundlagen würden Schaden nehmen. Wir erfahren Rohstoff- und Wasserknappheit und soziale Unruhen. Menschen, die ihr Zuhause durch den steigenden Meeresspiegel verlieren, müssen emigrieren. 

Klingt wie ein schlechter Film? Ich weiß! Und ich weiß auch, dass viele den Klimawandel noch nicht wirklich sonderlich fühlen können (außer durch ein paar „wärmere Sommer“). Trotzdem ist er aber Realität, leider. Viele Menschen im globalen Süden erleben seine Auswirkungen schon heute. Und auch wir sind bereits davon betroffen. Auch wir verlieren bereits unsere Lebensgrundlage. Es ist hart, aber nun mal wahr! 

Um diese Entwicklung aufzuhalten, um also die globale Erwärmung auf ein gerade noch erträgliches Maß von 1,5°C zu begrenzen, bleiben nur noch wenige Jahre.

Bundestagswahl 2021

Unsere nächste Bundesregierung ist mitentscheidend dafür, in welcher Welt wir leben werden: Als Wirtschaftsstandort Deutschland können wir einen großen Einfluss auf europäische und globale Entwicklungen haben, zum Beispiel über Vertragsbedingungen, Zölle etc., aber auch weil wir schon immer Technologien und Lösungen für die ganze Welt auf den Markt bringen.

Die Bundestagswahl am 26. September ist eine einmalige Chance, um die Klimakrise mit wirksamen politischen Maßnahmen aufzuhalten – ohne die Politik wird es nicht gehen! Viele junge Menschen haben das verstanden und setzen sich dafür ein. Das Problem ist nur: Junge Menschen entscheiden keine Wahl. Und die jungen Menschen, die die Konsequenzen unseres heutigen Lebens vor allem treffen werden, dürfen teilweise noch gar nicht wählen. 38% der Wahlberechtigten sind über 60 Jahre alt. Die jungen Menschen unter 30 machen nur knapp 15% aus.

Das heißt, dass die ältere Generation in Deutschland maßgeblich entscheidet, wer am Ende gewählt wird.

Die extremen Wetterphänomene betreffen vor allem die nächsten Generationen, unsere Neffen und Nichten, Kinder und Enkelkinder. Wir müssen also heute so wählen, dass sie es in Zukunft noch gut haben. Bitte informiert euch und gibt eure Stimme der Partei, die sich für eine starke Klimapolitik einsetzt und die Freiheitsräume zukünftiger Generationen im Blick hat. Genau das hat das Bundesverfassungsgericht dieses Jahr auch von der Regierung verlangt.

Schließt Euch der Fridays For Future-Klimademo an

Morgen, am 24. September 2021 in eurer Stadt – Infos hier.

Wichtige Inhalte zur Wahl einfach anhören

Die App Blinkist ermöglicht noch bis diesen Sonntag freien Zugang zu Kernaussagen aus Sachbüchern, die die großen Themen der Bundestagswahl behandeln. Ein Probeabo ist nicht notwendig – die App einfach runterladen, öffnen, fertig (siehe „kostenlos bis zum 26. September“). Ihr könnt die Zusammenfassungen einfach anhören.

Wenn ihr euch ein eigenes Bild zum Klimawandel-Thema machen möchtet, empfehle ich euch „Was, wenn wir einfach die Welt retten“ (14 Minuten). Um die konkreten Auswirkungen für uns in Deutschland zu erfahren, empfehle ich euch „Deutschland 2050“ (24 Minuten). Beides ist keine leichte Kost, aber umso notwendiger sich bewusst zu werden, wie es uns in Zukunft betreffen kann.

Wahlprogramme der großen Parteien: Klimaschutz?!

Inwiefern Klimaschutz ein relevanter, ernstzunehmender Inhalt der Parteien ist, könnt ihr hier nachlesen: Tagesspiegelbericht   oder Klimawahlcheck. Leider zeigt ein Vergleich der Wahlprogramme, dass keine die selbstgesteckten und in Deutschland gesetzlich verankerten (!) Ziele zum Klimaschutz vollständig erreicht. 

Aber es gibt doch eine deutliche Einordnung, welches Wahlprogramm am meisten dafür tut. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) analysierte die Wahlprogramme der folgenden Parteien: CDU/CSU, SPD, FDP, Die Linke und Bündnis 90/Die Grünen auf ihre „Klimaneutralität“. Dahinter versteckt sich das verschärfte Klimaschutzgesetz, das bis 2030 eine Reduktion der Treibhausgasemissionen um 65 % gegenüber 1990 und das Erreichen der Emissionsneutralität bis 2045 vorsieht. Stand heute: -37% Emissionen reduziert (in 2020 waren es noch -40%). In Deutschland sind die Treibhausgasemissionen sogar wieder angestiegen.

Klimaneutralität der Wahlprogramme im Vergleich – Quelle: DIW Econ

Das abgebildete Radar-Chart zeigt: Je näher die Bewertung der jeweiligen Kategorie an der äußersten Vier-Punkte-Marke liegt, desto wahrscheinlicher kann mit den Vorschlägen der Parteiprogramme das Ziel der CO₂-Reduktion (und die damit verbundene Eindämmung der Erderwärmung) erreicht werden. Außerdem wird sichtbar, worauf die Parteien bei dieser Wahlperiode in Bezug zum Klimaschutz ihren Fokus legen.

Meine Wahl

Ich wähle Die Grünen, da sie als Partei ein Gesamtkonzept präsentiert, das am ehesten konkrete Vorschläge zum Erreichen der Klimaschutzziele macht. Sie erreichen im DIW Vergleich einen Wert von 3,62 und liegen somit auf Platz 1 (an zweiter Stelle steht die Linke mit 2,60; den Abschluss bildet die FDP mit 1,24 – hier der DIW Bericht zum nachlesen). Natürlich gibt es Inhalte in ihrem Wahlprogramm, deren Umsetzung und Auswirkungen noch bewiesen werden müssen. Auch ist manches noch nicht zu Ende gedacht oder zu ambitioniert/nicht ambitioniert genug, aber sie setzen zumindest die richtigen Ziele

Zu guter Letzt zeigen alle Berechnungen, dass Klimaschutz nicht nur so schnell wie möglich umgesetzt werden muss, sondern auf lange Zeit auch viel günstiger ist als all die Extremwetterereignisse und ihre Auswirkungen auszugleichen, die uns bevorstehen – man denke dabei an die Milliardenhilfen für die Menschen im Ahrtal. Langfristig werden sich die Folgen negativ auf unseren Wirtschaftswachstum auswirken. Hier ein spannender Artikel aus der Süddeutschen Zeitung zu diesem Thema.

Jetzt habe ich viele Zahlen und Fakten runtergeschrieben und geteilt. Und nun? Was bedeutet das für uns? Ich habe diesen Monat geheiratet. Jetzt erreichen mich viele sehnsüchtige Fragen, wann denn der erste Nachwuchs kommt. Für mich bedeutet es, dass ich mir schon jetzt Sorgen mache, mit welchen Zukunftsperspektiven ich sie konfrontiere. Gerne wünsche ich mir, ihr oder ihm später erklären zu können, wie wir diese Herausforderung gemeistert haben anstatt zu erklären, warum wir nichts getan haben.

„Back to business“ ist keine Alternative! 

Große Krisen schaffen Unruhe und es ist so sehr verständlich, dass wir uns alle Rückkehr zum Normalen pre-pandemischen Szenario wünschen. Wir möchten nicht hören, dass der Konsum, der Lebensstil vor allem aber die Wirtschaft der letzten Jahrzehnte maßgeblich zu unserem Dilemma geführt haben. Natürlich stoßen die mit Klimaschutz in Verbundenheit gebrachten „Verzichte“ und „Verbote“ sowie CO₂-Steuern auf Widerstand. 

Nur fehlt uns leider die Zeit für eine sanfte Umgewöhnung. Je länger wir warten, desto heftiger werden die Konsequenzen der Klimakrise und eben auch die Gegenmaßnahmen der Politik. Dieses Jahrzehnt, bis 2030 stellen wir die Weichen. Beim Wandel hin zu einer klimafreundlichen, umweltschonenden Lebens- und Wirtschaftsweise stehen wir noch ziemlich am Anfang. Wir müssen jetzt deutlich auf die Tube drücken! 

Wir haben die Wahl!

P.S.

Natürlich respektiere ich die Wahlfreiheit eines jeden Einzelnen! Ich habe mich dennoch entschieden, diesen Artikel mit Nachdruck zu formulieren, weil ich hoffe, dass es zu Reflexion und weiterem Austausch inspirieren mag und ich fest daran glaube, dass unsere Stimmen einen Unterschied machen. Danke für eure Aufmerksamkeit.


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